Eine Kirche als Enklave

Die letzten Serben von Đakovica

Vier alte Frauen sind die letzten in Đakovica verbliebenen Serben. Nach dem Kosovo-Krieg des Jahres 1999 und dem NATO-Bombardement waren vier betagte serbische Frauen trotz aller Gefahren und der brutalen ethnischen Säuberung in der Pfarrkirche der Stadt geblieben und wurden von italienischen KFOR-Soldaten bewacht. Das Essen brachten ihnen die Mönche aus dem nahegelegenen Kloster Dečani. Bei den massiven Ausschreitungen im März 2004 wurden sie von den KFOR-Soldaten gerettet und verließen die Stadt. Die orthodoxe Pfarrkirche in Đakovica wurde vollends zerstört und die vier Frauen fanden Zuflucht im Kloster Visoki Dečani.

Inzwischen ist die Kirche samt Gemeindehaus wieder aufgebaut worden und zwei der letzten Serbinnen von Đakovica leben als Nonnen wieder in der Stadt. 
Das Kloster liegt mitten in Đakovica in der „Serbischen Straße“, deren Häuser und Wohnungen nach den ethnischen Säuberungen von Kosovoalbanern besetzt wurden.
 Ein kosovoalbanischer Polizeiposten bewacht die Frauen. Sie dürfen das Gelände zu ihrem Schutz nur in Begleitung verlassen, sonst wären sie dem Risiko von Repressalien ausgesetzt. Im Januar 2017 wurden vertriebene Serben, die an einem Gottesdienst in der Kirche teilnehmen wollten, angegriffen und der Bus, in dem sie angereist waren, mit Steinen beworfen. Das Kloster ist vielen Kosovoalbanern ein Dorn im Auge, denn es ist sichtbares Überbleibsel serbischer Kultur.

„Man will uns vertreiben“

Schwester Jefimija ist eine der Nonnen. „Wir werden schikaniert und bedroht.“ Oft kommt es zu Einbrüchen in das unbeaufsichtigte Kloster, wenn die Frauen unterwegs sind. Man habe auch schon versucht, das Trinkwasser zu vergiften. Das liegt an der Angst der Anwohner, sagt sie, dass die vertriebenen Serben ihre Häuser und Wohnungen zurückfordern könnten.

„Ich bin gekommen, um Gott zu dienen“

Das Klostergelände ist umgeben von Wohnhäusern. Aus den oberen Stockwerken kann man ins Klosterinnere sehen. Schwester Jefimija stammt aus Serbien und ist in den 60er-Jahren als medizinische Aushilfe nach Deutschland emigriert. Als „Gastarbeiterin“. Ihre Vorfahren stammen aus dem Kosovo. Nachdem sie auf einer Wallfahrt zu ihrem Glauben gefunden hatte, kam sie 2011 als Rentnerin ins Kosovo und wurde im neugegründeten Kloster Đakovica zur orthodoxen Nonne geweiht. Zu ihrer Familie in Deutschland hat sie keinen Kontakt mehr. „Dieses Leben liegt hinter uns“. (Sie will nicht fotografiert werden, denn sie glaubt, dass ihr Ehre, die sie auf Erden erfährt, im Himmel abgezogen wird.)

“Hör auf! Sonst wird deine Mutter sterben!“

Auch Dana hat wenig Kontakt zum Leben ausserhalb der Klostermauern. Sie ist 90 und stammt aus einem Dorf hier in der Nähe. Sie ist eine der letzten Serbinnen von Đakovica. Alle ihre Angehörigen sind tot oder vertrieben. Ihre Tochter, die in Serbien lebt, besucht sie nur einmal pro Jahr. Dana kann seit einem Schlaganfall nicht mehr reden, deshalb spricht sie mit Händen und Augen. Schwester Jefimija erzählt, wie ein Albaner Dana während der ethnischen Säuberungen zu Boden reisst und ihr ein ein stumpfes Messer an die Kehle hält: „Jetzt stirbst du!“ Ein anderer schreit: “Hör auf! Sonst wird deine Mutter sterben!“ In dieser Gegend glaubt man, dass die eigene Mutter stirbt, wenn man einer alten Frau etwas antut. Das hat sie gerettet.

Dana leidet unter der Eintönigkeit im Kloster. Sie mag es, unter Menschen zu sein. Deshalb gesellt sie sich regelmäßig zu Muhammad, dem albanischen Polizisten vorn am Tor. Der hat nichts dagegen. Ihm gefällt sein Job, obwohl er für viele seiner Landsleute ein Verräter ist und das auch zu spüren bekommt. Denn anders als im Einsatz auf der Straße besteht für ihn hier keine unmittelbare Lebensgefahr.

Die Schatten der Vergangenheit

Mara verscheucht die Katzen von der Terrasse des Gemeindehauses. Die flüchten sich zu den vielen anderen im Garten und fläzen sich ins herumliegende Herbstlaub. Mara ist 75. Auch sie stammt aus einem Dorf in der Nähe von Đakovica. Mara hat ein Buch über Kriegsverbrechen an den Serben, das sie vor sich selbst, wie sie sagt, in ihrem Zimmer versteckt. Das Buch ist eine Dokumentation des Kosovokrieges und enthält unzählige Fotos ermordeter Serben. Männer, Frauen, Kinder. Mara kannte einige von ihnen persönlich. Sie selbst war Augenzeuge einiger Morde. Sie beginnt zu weinen und hört den ganzen Tag nicht mehr auf. Die Schatten der Vergangenheit ziehen auf.

Eine junge Katze bleibt hartnäckig und läuft zu Mutter Atanasija. Sie ist die Älteste und die Äbtissin des Klosters. Die kleine Katze ist sehr menschenbezogen und folgt den Nonnen auf Schritt und Tritt. Mutter Atanasija (90) wurde in einem Dorf in bei Đakovica geboren und war vierzig Jahre lang Kirchendienerin in der Kirche der Heiligen Jungfrau. Zusammen mit Dana, Mara und Jelena, die inzwischen verstorben ist und im Klostergarten begraben liegt, blieb sie auch während des Krieges. Sie ist eine begnadete Rednerin und wird wegen ihrer Herzlichkeit und ihrem Mitgefühl geachtet.

Die Katze folgt nun Jefimija zur Kirche. Dort werden sie und Atanasija lesen und beten, denn der Tag folgt einem festen Programm. Mara und Dana kümmern sich um die Blumen, die sie angepflanzt haben. Es gibt Blumen, Kräuter, Heilpflanzen und Gemüse im Garten. Und einen imposanten Walnussbaum. Als die Nonnen nach etwa einer Stunde aus der Kirche kommen, stellt sich Atanasija wie gewohnt an Jelenas Grab, um ihrer zu gedenken. Niemand wird vergessen.

Wäre nicht diese ständige unterschwellige Bedrohung, könnte es hier richtig schön sein. Ich verlasse die alten Damen von Đakovica und das Kosovo mit vielen Geschenken und gemischten Gefühlen. Erfüllt von der mir entgegengebrachten Herzlichkeit, verwirrt über die Komplexität der Beziehungen und besorgt über die unterschwellige, aber stets fühlbare Aggression, die hier zwischen Serben und Albanern herrscht.